Irene Unz-Mavrogordato schildert in «Altes Haus am Bosporus»
(©Prestel Verlag, München 1986) ihre persönlich erlebte Geschichte
im Haus der Familie in Tarabya sowie Erzählungen über die Mavrogordato
aus der Sicht von Mary Mavrogordato (1856 - 1956), der älteren Schwester von Nicholas Mavrogordato (1862 - 1931), meinem Grossvater.
1821 verließ der UrUrgrossvater
Demetrius Mavrogordato mit Frau und Kindern die Insel Chios
kurz vor oder während des griechischen Befreiungskriegs von 1821 bis
1823 [siehe auch: Christopher Long: The Chios Diaspora
& The Massacres of Chios]. Nach Erzählungen von Tante
Mary segelte die Familie mit einem grossen Fischkutter (KAIKI) nach Triest.
Aus Dalmatien stammte seine Frau Catherina Curtovic, deren Familie Zuflucht bot, bevor die Mavrogordatos nach Livorno übersiedelten, wo bereits seit Jahrzehnten Familienmitglieder ansässig waren.
Bis 1920 hatten Familienmitglieder dieser Mavrogordato-Familie entweder die englische Nationalität angenommen - wg. der Herkunft und Verwandtschaft der Mutter - oder waren österreichische Subjekte, nicht nur weil Oberitalien seit der Niederlage Napoleons von der k.u.k Monarchie beherrscht wurde. Schon im 18.Jh. in Chios waren die Mavrogordatos mit österreichischen Laisser-Passez (Schutzpässen) des kaiserlichen Konsuls in Smyrna (Izmir) ausgestattet gewesen. Mit dieser Konstellation ließen sich mögliche Diskriminierungen aufgrund des Minoritätenstatus als Griechen im Osmanischen Reich vermeiden.
1850 zog mein Urgroßvater Stephanos (Etienne) Demetriou Mavrogordato
(7-9-1808, Smyrna bis 10-5-1872, Therapia), in Italien ausgebildeter Bankier mit österreichischer Staatsangehörigkeit und griechisch-orthodoxem Glauben, ins osmanisch-multikulturelle Konstantinopel. Er war einer von elf griechischstämmigen Bankiers,
die ab 1840 das Bankwesen des Osmanischen Staates aufbauten und 40 Jahre
lang dominierten.
Stephanos M. heiratete in der anglikanischen Kapelle der Britischen Botschaft am 29. Januar 1853 die noch minderjährige Alice Fanny Sarell (*1833 - 9-10-1887) aus der englisch-griechischen Familie von Richard Sarell und Euphrosine Rhazi. 1861 wurde das "Haus am Bosporus", eine herrschaftliche Villa mit großem Park oberhalb des Dorfes «Therapia» (heute: Tarabya), fertiggestellt und von der Familie bezogen.
[Die Schwester von Fanny, Eliza
Sarell, war bereits seit vielen Jahren mit dem einflußreichen und überaus vermögenden griechischen Bankier Theodoros Baltazzi (Todoros Baltaci) ebenfalls in Therapia verheiratet.]
Das Ehepaar Stephanos und Fanny Mavrogordato hatte elf Kinder - drei Mädchen
und acht Jungen.
Mein Grossvater Nicholas wurde als
siebtes Kind am 7.Juni 1862 in Therapia / Bosporus geboren. Nach dem Tod des Vaters 1872 absolvierte er in Berlin seine schulische und technisch-akademische Ausbildung zusammen mit seinem Bruder Theodore, der später in der britischen Kolonialarmee auf Cypern und in Südafrika diente.
Als Diplomingenieur für Brücken - und Tunnelbau trat Nicholas, genannt Nic, in den Dienst der Frankfurter Philipp-Holzmann AG ein und wurde Anfang des 20.ten Jahrhunderts Abteilungsvorstand und leitender Oberingenieur für den Bauabschnitt I im südanatolischen Taurusgebirge beim Bau der legendären "Bagdadbahn".
Seine Verdienste wurden bis 1918 regelmäßig mit Ordensverleihungen des Sultans, des österreichischen Kaisers und des preußischen Königs ausgezeichnet.
1916 heiratete er in Therapia die deutsche Privatlehrerin Annemarie Mascow (Pyritz / Pommern *21.07.1890 - Berlin Mai 1972) und lebte mit ihr im Bagdadbahn-Stützpunkt Belemedik im Taurus. Während des 1.Weltkrieges wurde im April 1917 im noch osmanischen Konstantinopel meine Mutter Irene (griech. EIPHNH = Frieden) geboren, 1920 ihr Bruder Ralph in Berlin.
In den Wirren des untergehenden osmanischen Vielvölkerstaates übernahm Nicholas Mavrogordato für die siegreichen Allierten die Aufsicht über den Taurusabschnitt der Bahn, während seine Familie freies Geleit nach Konstantinopel erhielt und dann nach Athen übersiedeln konnte. 1919 stellte er in Konstantinopel beim allierten Hochkommissariat den Antrag auf die griechische Staatsangehörigkeit. Auf dem Rückweg in den Taurus wurde er von irregulären türkischen Truppen "gekidnappt". Im Bahnhof von Eskishehir konnte er 1921 fliehen, als er auf Befehl Kemal Atatürks zur Weiterarbeit als Ingenieur für die neue türkische Republik nach Ankara gebracht werden sollte. Nicholas Mavrogordato schloss sich vielmehr den Invasionstruppen der griechischen Armee an und übernahm im griechisch besetzten Smyrna eine hohe Verwaltungsposition. Im grossen Brand von Smyrna am 9.September 1922, der die groß-griechische Invasion beendete, verlor Nicholas M. mit 60 Jahren seinen persönlichen Besitz. Im Unterschied zu vielen anderen Bewohnern Smyrnas gelang ihm die Flucht nach Griechenland. Das Elternhaus in Therapia sowie seine dort lebenden Geschwister konnte er bis zum Ende seines Lebens nicht mehr besuchen.
Ab 1926/27 leitete Nicholas M. die Planung des Bahnbaus Baku - Teheran, während die Familie ab 1925 in Berlin wohnte.
Nicholas M. starb am 6.Mai 1931 in Berlin und wurde dort beerdigt.